Mein erstes Ostern im Kloster – Bericht unserer Postulantin

//Mein erstes Ostern im Kloster – Bericht unserer Postulantin

Aus mangelndem Interesse bzw. aus beruflichen Gründen war es mir bis dato noch nie möglich, die ganze Bandbreite der Kartage und der Osterliturgie mitzufeiern. Doch hier im Kloster durchlebe ich nicht nur die heiligen Messen, sondern ebenfalls das gesamte Stundengebet und weitere Traditionen, die schon seit dem Mittelalter bestehen. Da beginnt man unweigerlich nachzudenken und mitzufühlen. Denn am Palmsonntag wurde mir bewusst, dass auch ich, wie Jesus zum Zeitpunkt seines Leidens, 33 Jahre alt bin. Wie würde ich mich fühlen, wenn ich wüsste, ich hätte nur noch fünf Tage zu leben? Was würden mir die Huldigungen anderer bedeuten? Mir vielleicht nicht viel, aber für Christus war es bestimmt ein Hoffnungsschimmer, dass doch ein paar Menschen dieser Erde seine Botschaft verstanden und angenommen haben. Für Ihn muss es das ultimative „Trostpflaster“ gewesen sein. Durch die Renovierungsarbeiten in der Stiftskirche St. Peter war dieses Jahr unser Konvent mit dem der Benediktiner vereint, und es wäre für den Herrn ein großer Trost gewesen, wie schön, wie feierlich, wie würdevoll und wie ehrlich sich die Prozession durch unseren Kreuzgang und das anschließende Pontifikalamt gestaltete. Ich fand es besonders faszinierend, dass so viele Menschen gekommen sind, um zu zeigen, dass auch sie heutzutage an die Botschaft Jesu glauben und sie annehmen wollen.

Die letzte „aktive“ Tätigkeit in der Karwoche für mich als Postulantin war am Mittwoch der Karwoche das Vorbereiten der Gefäße für die Chrisam-Öl-Messe mit meiner Novizenmeisterin. Bei dieser Messe wurde am Nachmittag im Salzburger Dom im Beisein aller Priester der Erzdiözese das gesamte Chrisamöl für ein Jahr geweiht. Auch in einem Benediktinerinnen-Stift braucht man so etwas…
Von da an konnte ich mich ganz in die Passion und die Auferstehung unserer Herrn Jesus Christus vertiefen. Was das genau bedeuten kann und wie ich es überhaupt anstellen sollte, wusste ich zu Beginn nicht, als Mutter Veronika mir diesen „Arbeitsdispens“ erteilte. Dieses Jahr hatten wir zudem tatkräftige Unterstützung durch die lieben Mesner aus St. Peter, weswegen ich mich getrost zurückziehen konnte.

Der Gründonnerstag begann schon ganz anders als ein gewöhnlicher „Klostermorgen“: Es gab keine hl. Messe, stattdessen eine „Trauermette“- wie an den darauffolgenden Kartagen auch. Sichtbares „Kennzeichen“ dafür ist ein Triangel-Leuchter mit 15 Kerzen. Die Mette gestaltet sich so, dass Vigil und Laudes zusammen gebetet wurden, ergänzt durch 5 Lesungen, wobei nach jedem Psalm eine Kerze von den 15 ausgelöscht wird, bis zum Schluss nur noch die eine weiße Kerze – Christus – übrigbleibt und Licht spendet. Diese Tradition stammt übrigens bereits aus dem frühen Mittealter (800 n. Chr. schon erwähnt).
Alle, die schon in unserem Kloster zu Gast waren oder anders wo Klosterluft geschnuppert haben, werden gut verstehen können, was es bedeutet, wenn es zum Stundengebet keine Eröffnung, keinen Hymnus gibt und auch das „Ehre sei dem Vater“ nach jedem Psalm fehlt. Die Stimmung war gedämpft, die Angst, die Christus im Garten Gethsemane verspürt hat, war gegenwärtig. Es war unglaublich! Dass die Symbolik das Gefühl so stark unterstützen bzw. es hervorbringen kann…
Am Abend folgte das feierliche Abendmahlsamt – mit Fußwaschung.
Wir zogen anschließend zu „unserem“ Abendmahl. Es war eine wunderbare Stimmung, als Tischlesung wurden die Abschiedsreden Jesu gesungen, das Abendlicht durchflutete das Refektorium. Es muss damals eine ganz ähnliche Stimmung gewesen sein: alles war schön und feierlich, denn „ich habe mich sehr danach gesehnt diesem Mahl mit euch zu halten“.

An den Kartagen herrscht bei uns Schweigen im Kloster (abgesehen natürlich von dem Notwendigsten), aber da die Glocken ja nach Rom geflogen waren, war ich die einzige die „ratschen“ durfte … zumindest, um die Gebetszeiten und den Angelus anzukündigen…

Den Kreuzweg habe ich dieses Jahr unter einem anderen Aspekt gebetet. Ich habe versucht, meine Kreuze auszumachen, sie in meinem Kopf in Worte zu fassen und bewusst anzunehmen. Somit fand ich „mein Kreuz“ passend zu jeder Kreuzwegstation.
Das Liturgiefeier am Karfreitag zur Sterbestunde Jesu war berührend. Dank der vielen Mitbetenden und der vielen anwesenden Klerikern fühlte man sich wirklich als das trauernde, nach Golgotha mitziehende Volk. In der Kreuzverehrung bezeugt man auch, dass dieser, der da verachtet am Kreuz hängt, wie man es auch dreht und wendet, egal in welcher Lebenslage UNSER König ist, unser Weg und unser Heil – ganz gleich, welche Gestalt er einnimmt. Ganz gleich? Oder vielleicht gerade WEIL Er diese Gestalt und dieses Leben angenommen hat?
Karsamstag halten wir Grabesruhe. Es ist der einzige Tag im Jahr, an dem keine Hl. Messe gefeiert wird. Ich habe mich zur Kapelle der Schmerzensmutter begeben. Mein Verhältnis zur Muttergottes war immer etwas „kompliziert“. Aber hier habe ich begonnen, sie in einem anderen Licht zu sehen. Denn sie war „nur“ Werkzeug Gottes! Egal was ihr widerfuhr, die „ungewollte“ Schwangerschaft – vor der Eheschließung -, ein Sohn, der schon als Kind die Älteren unterwies und der als Erwachsener dann erst recht für Kontroversen und Aufsehen sorgte, den sie Wunder tun sah und bei dessen Verurteilung und Passion sie tatenlos daneben stehen muss. Von unglaublicher Freude bis ohnmächtigem Zusehen war alles dabei. WAS für eine starke Frau! Ich geh davon aus, sie hatte das „normale“ Gefühlsleben einer jeden Frau und insbesondere einer jeden Mutter. Was für eine tapfere Frau ist sie also, dass sie all das aushält, dass sie all das, die ganze Palette ihres außergewöhnlichen Lebens, erträgt. Wohl nur weil sie Gott so sehr vertraute und so durchlässig war, dass sie ihre Empfindungen zwar annahm, aber den Plan Gottes trotzdem nicht vergaß und ihm den Vortritt ließ. Aber eben nicht wehmütig, gequält oder in der Opferrolle, nein, sie weiß, dass ihre Empfindung subjektiv ist und nicht mit dem göttlichen Plan übereinstimmen muss. Ja, ich kann sagen, mittlerweile ist sie mit ihrer Tapferkeit mir ein Vorbild in so manch schweren Tagen geworden.

Ostersonntag
Während ich Zeit hatte diesen und andere Gedanken zu entwickeln und zu vertiefen, wurde die Stiftskirche aus ihrer schmucklosen Karfreitagstrauer geweckt und in die Osterfreude überführt. Wie wichtig ist doch für uns Menschen das Wahrnehmen mit den Augen und wie stark ist unser inneres Empfinden davon beeinflusst, was wir sehen! Wie wertvoll sind daher ein schön gestalteter Kirchenraum und eine würdevoll gefeierte, feierliche hl. Messe. Nicht umsonst heißt es: „Zeig mir, wie du betest und ich sag dir, was du glaubst“. Und in den Kar- und Ostertagen spielt die Symbolik zweifelsohne eine große Rolle.
Die radikalste Veränderung zu meinen bisherigen Osterfesten war, dass es in meiner Familie gerade beim Osterfrühstück sehr ausgelassen und fröhlich zuging. Hier hingegen herrscht Stille – abgesehen von einigen Eier-peck-Duellen. Es ist anders – aber nicht schlecht. Es war eine friedvolle Stille, eine beglückende Ruhe. Wenn man etwas leiser und etwas mehr in sich bleibt, hat der Herrgott, so denke ich, mehr Chancen uns seine vollkommenen Freuden dieses Osterfestes zu zeigen. Wie sollten wir denn die wahre Freude in die Welt bringen, wenn wir sie uns nicht in der Tiefe zeigen lassen, und uns stattdessen an der Oberfläche mit dem ersten Fünckchen Glück schon zufriedengeben? Sollen wir nur diese Bruchstücke weitergeben? Ist es nicht besser zuerst die Quelle in der Tiefe zu erschließen, um es dann erst von innen heraus weitergeben zu können?
Wie oben erwähnt, wusste ich zu Beginn nicht, wie ich diese Kartage „nutzen“ sollte. Es hat sich mir dabei gezeigt, dass es ein lebenslanger Prozess sein wird, das Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen Christi zu verstehen. Mir ist schon klar, dass in der heutigen Welt „lebenslange Prozesse“ ein No-Go sind, denn alles muss lösungsorientiert und zweckoptimiert sein. Aber seit tausenden von Jahren gab/gibt es immer schon Menschen, denen es wert war/ ist, diesen lebenslangen Prozess auf sich zu nehmen und zu durchlaufen, weil sie spürten, dass darin die Wahrheit verborgen liegt. Sie haben das Licht, dass durch den Gekreuzigten durchscheint erkannt und wollen ihm (dem Licht) nachgehen. Und zu diesen Menschen möchte ich gehören. Mein Leben lang.

2019-04-26T08:52:34+00:00 23. April 2019|Alle Beiträge|